Wer weiß, was du so für Schätze bei dir hast

Diesen fragenden Satz bekam ich neulich als Reaktion, nachdem ich Fotos aus einer länger zurückliegenden Sitzung verschickte. Und in der Tat steckt mehr eine Aussage als eine Frage dahinter. Denn oftmals entstehen in einem Fototermin zahlreiche Aufnahmen, aus denen ich eine Auswahl treffe und diese dann zur Verfügung stelle oder verwerten lasse. So gesehen bekommen die von mir Fotografierten nie alle während der Sitzung entstandenen Bilder zu Gesicht. Sie wissen um diesen Umstand. Und so entsteht wohl der Glaube, dass da bestimmt noch irgendwas Schönes mehr in meinem PC oder dem Negativarchiv schlummert.

Das stimmt nicht immer, aber zugegeben immer öfter. Zumindest wenn man bedenkt, dass manche Fotos mit der Zeit reifen. Oder sollte ich sagen schöner werden? Von einigen Fotos bin ich relativ nah nach dem Fototermin sehr angetan, andere lasse ich links liegen, viele fliegen wegen technischer oder anderer Mängel gleich und endgültig weg. Aber erst viel später erkenne ich, dass unter den links liegen gelassenen sehr reizvolle Aufnahmen sind. Das Foto ist so wie es damals war, aber mein Blick, meine Wahrnehmung hat sich verändert. Dieser Fakt macht das Durchblättern von Aufnahmen immer wieder spannend – auch mehrere Jahre nach deren Entstehung.

Goodbye 20s, Hello 30! – Berlin, 2014

Die hier zu sehenden Fotos sind ein solcher vermeintlicher Schatz. Während des damaligen Fototermins machten wir viele Aufnahmen. Anlass war der bevorstehende Dekadenwechsel "Goodbye 20s, Hello 30s" der jungen Frau. Fotos für eine Einladung zur Geburtstagsparty waren das Ziel. Ein Shirt mit einer großen 29 war die Requisite und ein bisschen ausgelassen sollte es sein. Gewonnen – als Bild für die Einladung – hat dann ein ganz anderes Motiv mit einem riesig aufgeblasenem Kaugummi. Und so gerieten die hier gezeigten Aufnahmen in Vergessenheit. Bis vor Kurzem.

Eines aber ist sicher: In dieser Serie von 12 Fotos gibt es keine weiteren Schätze. Denn wer genau hinschaut, kann am Filmrand eine Nummerierung erkennen und somit auch, dass alle Fotos auf einem einzigen Filmstreifen aufgereiht sind. Zwölf Mal auslösen, zwölf Fotos, ein Film durch und dann Wechsel des Magazins oder neuen Film einspulen. Das ist Teil der nicht-digitalen Fotografie.

Wir nahmen die Bilder in meinem damaligen Berliner Studio auf, im Frühsommer 2014. Wenn ich mich richtig erinnere, waren drei Studioblitze im Einsatz: ein Beauty-Dish als Hauptlicht und zwei seitliche zur Aufhellung des Hintergrundes. Die analoge Kamera, eine Hasselblad 503CX, ist mir ein Jahr später beim Einbruch gestohlen worden. Ein echter Schatz, der abhanden gekommen ist.